Siegel des Evangelisches Gymnasiums zum Grauen Kloster
Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster
Siegel der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Onlineausstellung

Aus dem Tagesspiegel vom 1. Februar 1963

Das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin ist ein Gymnasium humanistisch-altsprachlicher und christlicher Prägung in der Trägerschaft der Ev. Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
Gegründet wurde das Berlinische Gymnasium 1574 in den leer stehenden Räumen des Franziskanerklosters in Berlin-Mitte. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg blieb nur die Ruine der Klosterkirche als Bau-und Kulturdenkmal stehen, welches in den nächsten Jahren Zentrum eines Schulneubaus am alten Standort sein soll.
Seit 1963 führt das Evangelische Gymnasium die Tradition des Berlinischen Gymnasiums fort und heißt seitdem: Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster.

Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster

Älteste Berliner Schultradition wird endlich ernsthaft weitergeführt / Von Günter Matthes

„Das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster gehört ganz Berlin.” So begann ein Sx-Leitartikel im Tagesspiegel am 4. Juli 1958. Die Behörden wurden darin aufgefordert, schnell und unbürokratisch eine West-Berliner Oberschule mit der Wahrung der Tradition des ältesten Gymnasiums in Berlin-Brandenburg zu beauftragen. Es war dies die erste Antwort im freien Teil der Stadt auf einen Akt kommu­nistischer Willkür, durch den eine ehrwürdige, ja berühmte Stätte humanistischer Bildung ver­schwand. Aus dem Grauen Kloster wurde die Oberschule 2, nachdem Ulbricht persönlich vor dem Zentralkomitee der SED seine Unzufrie­denheit mit den Resten angeblich feudal­bürgerlicher Exklusivität ausgedrückt hatte. Zwar leitete bereits ein „verdienter Lehrer des Volkes” die Schule, dessen Verdienste sicher weniger auf dem Gebiet sokratischen Zweifels an ideologischen Vorurteilen und der Pflege platonischer Ideale lagen; zwar hatte eine FDJ­ Stoßbrigade die Prinzipien abendländischer Kulturpflege auf ihre Weise auszulegen versucht, aber Ulbrichts Bemerkung, jeder dritte Abiturient dieser Schule ginge nach West­-Berlin schien nur zu bestätigen: auch ein sehr reduzierter Dialog mit der Antike erzieht keine weltfremden Theoretiker, sondern kritische Geister. Jedenfalls waren die Bemühungen des Kuratoriums der Stiftung Graues Kloster, an dessen Spitze Propst Grüber stand und steht, und die des Vereins ehemaliger Klosteraner vergebens geblieben, die Tradition jenseits der Sektorengrenze zu retten.

Wo Bismarck Vokabeln paukte

Der Aufruf des Tagesspiegels fand schnelles Echo. Nicht nur Freunde der humanistischen Erziehung kannten schließlich die jahrhundertealte Schule zumindest dem Namen nach, in der Schinkel, Schadow, Schleiermacher und Bismarck lateinische Vokabeln gepaukt hatten, wo Turnvater Jahn sich der Leibeserziehung annahm und Kantor Johann Crüger, der Schöpfer des Chorals „Nun danket alle Gott“, vier Jahrzehnte wirkte. Die Schulen, die für die Fortführung der verpflichtenden Überlieferung in Frage kamen, ließen sich an den Fingern einer Hand abzählen, da es sinnvollerweise solche sein mußten, die humanistische Gymnasial-Bildung vom fünften Schuljahr an vermitteln. Es gibt zwei städtische sogenannte grundständige Gymnasien in Steglitz und Wilmersdorf, zwei öffentlich anerkannte Privatschulen der Kirchen, das katholische Canisius-Colleg und das 1949 gegründete Evangelische Gymnasium. Dieses hatte sich schon vor 1958 mit dem Gedanken einer Übernahme der Grauen-Kloster-Tradition befaßt, mußte ihn aber zunächst wieder aufgeben, da ein hoher Prozentsatz der Schüler aus dem Osten kam und Repressalien zu befürchten waren. Die Mauer sperrte diese Schüler aus. Im Jahre 1958, als die Frage akut wurde, waren die Rück­sichten noch geboten.
So kam das Echo auf den Tagesspiegel-Vor­schlag von der Stadtverwaltung und von Schulleitern. Fraglich erschien jedoch, ob die Tradition ohne formelle Umbenennung an einer West-Berliner Schule weitergeführt wer­den sollte. Am 7. Juli 1958 beschloß das Be­zirksamt Steglitz, das grundständige Gymna­sium des Bezirks solle die Aufgabe übernehmen, was die Senatsabteilung für Volksbildung Anfang August bestätigte. Zwar sollte der Name der Schule nicht mit einem Zusatz ver­sehen, wohl aber die Tradition des Grauen Klosters, auch Bräuche, wie die Sängerfahrten des früheren Chors, gepflegt werden. An einen Neubau war aus finanziellen Gründen nicht zu denken. Allerdings hätte das wohl auch mit dem Wunsch vieler Freunde des Grauen Klosters kollidiert, in nicht allzu ferner Zeit nach Berlin-Mitte zurückzukehren.

Nach dem Steglitzer Experiment

Wenn man heute den Leiter des Steglitzer Gymnasiums danach fragt, sagt er, die Schule habe mit den ehemaligen Klosteranern seiner­zeit mehrmals konferiert, habe auch Poststelle für den Verein gespielt, aber viel mehr sei nicht herausgekommen. Das Steglitzer Gymnasium wahre neben der eigenen noch die Tradition des zerstörten Lichterfelder Schiller-Gymnasiums. Das wäre zweifellos ein bißchen viel Tradition geworden. Man sei dann so verblieben, daß der Verein und die Stiftung versuchen wollten, in Westdeutschland ein neues Graues Kloster aufzubauen. Das wäre nun freilich ein bißchen wenig Tradition, deutlicher: ein erschreckender Gedanke, Berlins ältestes Gymnasium zu exmittieren, wenngleich die Reserve der hiesigen Schulverwaltung gegenüber dem humanistischen Bildungsweg dabei eine Rolle gespielt haben könnte. Solche Pläne sind nun endlich überholt.
Im vorigen Sommer konkretisierten sich die Bemühungen, das Evangelische Gymnasium in Grunewald mit der Wahrung der Tradition des Grauen Klosters zu betrauen. Der Bischof billigte einen Antrag der ehemaligen Klosteraner. Mit Propst Grüber war der Schulleiter, Oberstudiendirektor Seeger, schnell einig. Von sofort an heißt die Schule in der Salzbrunner Straße: “Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin”. Am 13. Februar wird in der Aula die kirchliche Erziehungskammer zum Festakt bitten. Redner sind Bischof Dibelius, Propst Grüber und Senator Tiburtius. Damit beginnt nun, mehr als viereinhalb Jahre nach dem Auslöschen des Namens in Ost-Berlin, der ernsthafte Versuch, den weitgespannten Bogen Berliner Schulgeschichte fortzuführen.

Bomben und Spitzhacke

1571 war der letzte Mönch des aus dem 13. Jahrhundert stammenden Franziskanerklosters gestorben. Auf Wunsch der Stadt begründete 1574 Kurfürst Johann Georg das Berlinische Gymnasium. Daß es den Namen Zum Grauen Kloster erhielt, unterstreicht jenen Sinn für Überlieferung und Toleranz, den das protestantische Brandenburg zu bewahren wußte. Stipendien für arme Bürgerkinder beugten der Gefahr einer Standesschule vor. Pest, Krieg und schlechte Besoldung der Lehrer waren zunächst unfreundliche Gevattern, doch bald erwarb sich die Schule einen Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus. Als während der Nazizeit die jüdischen Schüler von der Anstalt verwiesen wurden, kam es mehrfach zu Protestdemonstrationen. 1943 fielen die Bomben, die das Gymnasium und die Kirche in der Klosterstraße schwer trafen. Die Schulruine fiel 1959 unter der Spitz­hacke. In der Niederwallstraße wurde nach dem Krieg noch einmal der Versuch gemacht, die Überlieferung, so gut es ging, zu retten. Vor allem bemühten sich dabei die alten Klosteraner, die heute noch etwa 80 einge­schriebene Mitglieder zählen. Es fehlt an jungem Blut, das die Ideale strenger geistiger Zucht mit neuem Leben erfüllt. Das Evangelische Gymnasium steht vor der Aufgabe, nicht nur den Namen Graues Kloster fortzuführen.
Wer im Haus in der Salzbrunner Straße die Schüler-Aufführung von Dürrenmatts “Ein Engel kommt nach Babylon” gesehen hat, zwei­felt nicht an der Aufgeschlossenheit dieser Konfessionsschule für fruchtbaren Zweifel am Althergebrachten. „Der hat das Herz der Jugend, der ihr etwas zutraut”, heißt es in den Prospekten. Zwar ist es den Schulen keineswegs mehr wie in den ersten Jahrzehnten des Grauen Klosters verboten, Eßwaren, besonders Obst mit in die Schule zu bringen. Aber die zu diesem Verbot führende Zielsetzung von damals erscheint im weitesten Sinne höchst aktuell: „Nicht mehr an den Bauch, denn an das Buch zu denken.”