Siegel des Evangelisches Gymnasiums zum Grauen Kloster
Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster
Siegel der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Reisebericht über die Wienfahrt des Deutsch-Leistungskurses

Wien - Eine Begegnung mit Kaisermacht und Avantgarde, Staatsgewalt und "Nestbeschmutzern"

von Antje Grund
Der Zug rollte am 25.9.2016 pünktlich um 18.42 Uhr aus dem Berliner Hauptbahnhof Richtung Wien und beförderte uns unter freundlicher Versorgung des tschechischen Bahnbeamten im Liege- und Schlafwagen sanft ruckelnd mit melodischen Intermezzi auf den Bahnhöfen Tschechiens, die uns Reisende in den durch den Halt unterbrochenen Schlaf wieder einlullten, so dass wir ohne Ahnung und Sorge ob der uns erwartenden geistigen Achterbahnfahrt in der ehemaligen Kaiserstadt und modernen Metropole dahindämmerten und schlummerten, bis wir am Morgen mit verschlafenen Gesichtern auf dem Bahnsteig standen.

Im Nu belebte der Kaffee und das agile Treiben im Bahnhof auch uns und schob uns in Richtung Unterkunft. Der Gegensatz sollte die Grundstruktur unserer Erfahrung werden: Im Stadtbild der Gegensatz von gediegener Kaiserpracht im inneren Bezirk und lebendiger Modernität im Gürtel, in Kunst und Architektur der von Historizismus und Avantgarde, in der Geschichte der von Autoritätshörigkeit und Widerstand gegen Staatsmacht, Krieg und Faschismus, in der Begegnung zwischen “Piefken” und Österreichern die Konfrontation von preußischer Genauigkeit mit jovialem Umgang und einer bisweilen (schein-)gemütlichen Improvisation im Ungefähren.

Letzten Endes führte die Auslotung der Extreme zu einer insgesamt sehr eindrucksvollen und zu weiteren Studien und Erkundigungen äußerst anregenden Reise:

Den Anfang des ersten Tages machte ein Ringstraßenspaziergang vom Schottentor zum Karlsplatz, ein Grenzgang zwischen innerer Stadt und Gürtel. Die historizistischen Prachtbauten der öffentlichen Gebäude: Universität, Rathaus, Parlament, Hofburgtheater, Kunst-und Naturhistorisches Museum wie auch die Mietspaläste und Palais des aufstrebenden liberalen Bürgertums, das im Zuge der Stadterweiterungen seit 1859 von Kaiser Franz Josef I ehemaliges Militärgelände im Glacis zur Bebauung zugewiesen bekam, animierten zu einer dreieinhalbstündigen Begehung wegen der Erläuterungen zu Architektur, Baugeschichte und singulär zur literarischen Dokumentation (vgl. Edmund de Waal, “Der Hase mit den Bernsteinaugen” zur Geschichte der Bankiersfamilie Ephrussi). Nach einer Mittagspause besuchten wir am Karlsplatz die Karlskirche, deren Turm wir auch bestiegen.

Das gigantische, von Gottfried Semper geplante, jedoch wegen seines Todes 1879 nicht ausgeführte Kaiserforumprojekt, durch steinerne Brücke von den Zwillingsmuseen (dem Kunst- und Naturhistorischen Musem) zum gesamten Areal der Hofburg eine Verbindung herzustellen, konnte zwar nicht als baugeschichtliche Höchstleistung bestaunt, dafür aber ein paar Tage später (am dritten Reisetag) dank der sachkundigen Stadtführung eines echten Wieners vorgestellt werden. Dieser zeigte nicht nur kaiserliche Schätze, sondern begann mit dem im Jugendstil gebauten Stadtbahnhof Kettenbrückengasse und den Wohnhäusern Otto Wagners in der linken Wienzeile, ein insgesamt nicht nur für die Jugend lebendiger Eindruck der Avantgarde um die Jahrhundertwende. Der Weg führte natürlich zur Wiener Secession, dessen späterer Präsident Gustav Klimt den Auszug moderner Küstler aus der Künstlervereinigung 1897, deren Künstlerhaus an der Nordseite des Karlsplatzes liegt, veranlasst hatte. Das Gebäude zeigt schon von außen die Innovationsfähigkeit der Secessionisten und begeisterte alle, sodass die Kontrollfragen unseres Kunstsachverständigen, von wem es erbaut worden sei, prompt von den wissensdurstigen Schülern mit “von Josef Maria Olbrich!” beantwortet wurde und ebenso: “Der war Schüler von….? – “… von Otto Wagner!”
Zumindet einen Teil des Lehrkörpers hat besonders begeistert, dass in moderner Kunst die lebendige und belebende Antike erfahrbar wird: Die zur Abschreckung der etablierten Staatskünstler aus der Künstlervereinigung über dem Eingang angebrachten Medusenhäuter sind eine symbolische Anspielung darauf, dass, wer mutig wie Perseus der Medusa entgegentritt, sich die Waffe des Sieges gegen rückständige Mächte erobert. Weitere Symbole geistiger Überlegenheit (wie die Lorberkuppel und die Eulen an den Seitenwänden) und der tempelartige Bau weisen auf das Beethovenfries im Innenraum voraus und stehen im Einklang mit dem zum Gott erhobenen Beethoven in der Statue von Max Klinger, die unser Kunstführer zur Hand hatte. Am Monumentalbild Gustav Klimts zur Darstellung der neunten Symphonie erlebten wir den Weg durch Leiden, Krankheit, Tod und Unterwelt, symbolisch im Gorilla für den Typhon (Sohn der Gaia und des Tartaros) dargestellt, zum “Kuss der ganzen Welt.” Die Sehnsucht nach Erlösung wurde damit erfüllt. Dieser friedliche Eindruck wirkte beruhigend nach.
Anschließend machten wir Bekanntschaft im Leopoldmuseum mit Gemälden und Objekten von Protagonisten österreichischer Kunst: Richard Gerstl als erstem österreichischen Expressionisten, Egon Schile, Oskar Kokoschka als Expressionisten und Kolomann Moser als Maler und Künstler der Wiener Werkstätte.

Nach der Mittagspause im Musemsquartier an diesem dritten Tag der Reise zogen wir über den Maria-Theresia-Platz zum Heldenplatz zur Begehung der Kaiserlichen Schatzkammer. Doch vor der Überquerung des Platzes gewannen wir, den Balkon der Neuen Burg rechts im Blick, von dem aus Hitler 1938 die “Anschluss”-Rede gehalten hat, mit Durchblick auf das Hofburgtheater einen Einblick in die fiese Schmährede des Ich-Erzählers in Thomas Bernhards “Holzfällen” gegen Hofburgschauspieler als beamtete Staatrepräsentanten. Wir, auf steinernen Stufen des Eingangstores sitzend, hörten die stichelnden Reflexionen des Ich-Erzählers über die Lächerlichkeit und Geistlosigkeit der in das Haus der Auersberger, eines Künstlerehepaares, geladenen Hofburgtheatergesellschaft, deren Gehabe im Gegensatz zum natürlichen Holzfällen der Ich-Erzähler mit gehässigen Gedanken im “Ohrensessel sitzend” überzieht.

Diese desillusinierende Einlage konnte unserem Kunstführer und uns anderen in seinem Gefolge nichts anhaben. Vielmehr steigerte sich in der Kaiserlichen Schatzkammer sein enormes Wissen und die pädagogische Vermittlungsgabe zur enthusiastischen Höchstform mit zündender Wirkung auf die Be-
trachter, so dass die Objekte, begleitet mit vielen Erstaunensbekundungen und Fragen nicht nur von oben und der Seite, sondern auch bisweilen von unten betrachtet wurden.

Der beruhigende Eindruck des Beethovenfrieses hätte uns am zweiten Tag unserer Reise beim Besuch des Literaturmuseums der Moderne unterstützen können, das mit Bildern, Dokumenten, Ausstellungsobjekten, Hörbeispielen, Filmen und 40 Stunden nutzbaren digitalen Informationen auf dem Tablet
ausgestattet war zu gut 200 Jahren Literatur sowie Geistes- und politischen Geschichte Österreichs und eine berührende und bestürzende Auseinandersetzung mit dem Schrecken autoritärer Staatsmacht und wirtschaftlicher Existenzgefährdung und mit teils ohnmächtigen, teils wirkungslosen Verdrängungs- und Verarbeitungsanstrengungen hervorrief. So schienen zu allen Zeiten Protest und Kritik nicht die gleich große Wirkung zu haben wie die Flucht in Gemütlichkeit, Humor und Vergessen; ein Beispiel sei Johann Strauß, der angesichts von Vermögensverlust durch den Börsenkrach 1873, in der Operette “Fledermaus” beschwichtigt: “Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu retten ist.”.

Das Aufbegehren durch Literatur und Kunst ist allerdings auch ein Hoffnungszeichen: Karl Kraus´ Publizistik mit dem Mut, als Nestbeschmutzer absorbiert zu werden (“Ich bin der Vogel, der sein Nest beschmutzt.”), Jaroslavs Haseks Unterminierung scheinbarer Harmlosigkeit der k.u.k.- Militätbürokratie mit subversiver Kritik in der Figur des “braven Soldaten Schwejk”, Ödon von Horváths Volksstücke als bittere Ironie an der Dummheit des Kleinbürgers als Mitläufer und Unterstützer des Austrofaschismus, Ingeborg Bachmanns poetische Kampfansage gegen Faschismus und Machismus, Thomas Bernhards Anprangerung eines faschismusanfälligen, geistlosen Bildungsbürgertums, Demontage konventioneller Sprachmuster und Literaturformen der Wiener Gruppe, Elfriede Jelineks schriftstellerischer und politischer Protest gegen die Scheinheiligkeit konventioneller Lebensformen und Denkweisen.

Die Referate zur Literatur österreichischer Autoren wurde möglichst passend verortet. So schloss unseren dreieinhalbstündigen Besuch des Literaturmuseums der Moderne ein Bericht über Ingeborg Bachmanns Leben und ihren Roman “Malina” im Foyer des Museums ab, nachdem wir auf dem Hinweg die Ungargasse, den Sehnsuchtsort der Ich-Erzählerin im Roman, überquert, und am Wohnhaus Bachmanns von 1946 bis 1949 in der Beatrixgasse 26 (woran eine Gedenktafel erinnert) vorbeigegangen waren: Der “Mord” genannte Untergang der weiblichen Person im Scheitern an männlichen Formen der Macht: der sprachlosen Liebe (Iwan), dem rationalen Versuch beruflicher und gesellschaftlicher Etablierung (Malina als Alter Ego der Ich-Erzählerin) und dem faschistischen Vater (in den Traumkapiteln) ist das Thema.

Im Kontrast mit den wunderschönen Bildern von Impressionisten und Expressionisten in der Albertina konfrontierten wir uns, ebenfalls durch ein Referat vermittelt, mit der schonungslosen Entlarvung der gemeinhin “Liebe” genannten Geschlechter- und Tochter-Mutter-Beziehung, die sich als verschleierte Macht- und als zum Teil zu exzessiver Gewalt führendes Ausbeutungsverhältnis herausstellt, in Elfriede Jelineks Roman “Die Klavierspielerin”.

Der Besuch des Akademietheaters an diesem zweiten Reisetag zu dem Stück “Hotel Europa oder Der Antichrist” von Antú Romero Nunes, das frei nach Joseph Roths Roman “Hotel Savoy” über die Unsicherheiten des Exils zwischen den beiden Weltkriegen gestaltet ist als Modifikation des aktuellen Problems der Flucht aus einer Welt ohne Sicherheit, vor Krieg und Apokalypse in eine ungewisse Zukunft, warf einen Vorschein auf die Aktualität Joseph Roths, über dessen Leben und Roman “Der Radetzkymarsch” am fünften Tag unserer Reise in Schönbrunn berichtet wurde. Verlust von Selbstwert, Sicherheit, Ehre und Leben ist das Thema dieses großartigen Romans über den Niedergang der k.u.k.-Monarchie, der sich in der Geschichte der Familie Trotta spiegelt, vom Helden von Solferino, dem Retter des Kaisers, bis zum Zufallstod seines Neffen Karl-Josef.

Am vierten Reisetag, stiegen wir durch den Besuch des Siegmund-Freud-Museums in die Niederungen des Unbewussten und der dort aufkeimenden Neurosen und Phobien und konnten uns über die entsprechenden Hypnose- und Hysterietherapien des Arztes Siegmund Freud und dessen psychoanalytische Theorie informieren und mussten entgegen dem bösen Aphorismus von Karls Kraus: “Die Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.”, nicht nur eine hohe Wirksamkeit, sondern auch ein großes Maß an Menschenfreundlichkeit und sozialem Engagement attestieren, zumal wenn man in Betracht zieht, dass Freud 1932 zu einem internationalen Ärztekongress einen Aufruf verfasst hat, in dem er einen zweiten Weltkrieg als absolut vernichtend vorausgesehen und vor ihm mit wissenschaftlichen und politischen Begründungen gewarnt hat.
Die wissenschaftliche Wirkung zeigte die Sonderausstellung “Frauen in der Psychoanalyse”: Von Anna Freuds Kinderpsychoanalyse über Lou-Andreas-Salomes Arbeiten, mit der sie Psychoanalyse und Frauenemanzipation verband, – eine besondere Überraschung für den Besucher, der wahrscheinlich eher mit dem Namen Andreas-Salome eine Schriftstellerin und Femme fatale in Liebesbeziehungen zu Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche sowie Paul Rées assoziiert , als dass er sie als Schülerin Freuds und Psychoanalytikerin kennengelernt hat, umso wirksamer lässt sich daran auch die frauenfeindliche Haltung Freuds aufgrund seiner vielzitierten Penisneid-Theorie in Frage stellen, da dieser ihr zum Beruf der Psychoanalytikerin geraten haben soll- über Helene Deutschs Spezialisierung auf weibliche Sexualität, (beide sind Frauenrechtlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts), bis zu Kate Milletts Arbeit zu den Ursprüngen des Patriarchats als maßgebliche Programmschrift für die Frauenbewegung der 1970er Jahre in den USA.
Die Menschenfreundlichkeit Freuds thematisert Robert Seethaler in seinem Roman “Der Trafikant”, in dem der junge vaterlose Franz Huchel aus dem Salzkammergut im fernen Wien in einer Trafik eine Lehre und mit dem regelmäßigen Kunden Siegmund Freud Bekanntschaft macht, in ihm einen väterlichen Freund und Ratgeber findet, der ihm gegen alle verzweiflungvollen äußeren Umstände im faschistischen Wien der 30er Jahre und der Gefangennahme und Ermordung seines Brotherrn Mut zum Leben und zur Liebe macht, ihn aber letztendlich nicht vor Einsamkeit und Deportation zu schützen vermag, weil er die Vereinzelung des Jungen durch die eigene Emigration nach London besiegelt.

Der Besuch des Prater am selben Nachmittag diente natürlich in erster Linie dem Karussell- und Achterbahnvergnügen, war aber auch als Ort von Literatur über die Erfahrung, völlig verwirrt, durchrüttelt und aus der Bahn geworfen werden zu können, gewählt. Dafür steht Arthur Schnitzlers Novelle “Leutnant Gustl” Pate: Der junge Leutnant ist auf der Flucht vor einem Duell, dem sich zu stellen der militärische Ehrenkodex ihm gebietet. Angst treibt ihn an den Rand seines “kernlosen Ichs”, indem er, in schwindelerregender Hast zu flüchtigen Erinnerungen und Wunschträumen Haltepunkte für sein zerbröselndes Selbstbewusstsein sucht, immer in endlosen Gedankenschleifen mit der Möglichkeit von Aufmerksamkeitserregung mittels des vage in Betracht gezogenen Selbstmords bei den dann Hinterbliebenen, besonders den Frauen, denen er als Lebender keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, beschäftigt. So zieht er rund um die Uhr seine Kreise und schläft schließlich unentschlossen gegen Morgen auf einer Parkbank im Prater ein. Der Entscheidung, sich selbst vor aller Augen zu kompromittieren als Flüchtiger oder auszuwandern, wird er durch den zufälligen Tod des Duellanten enthoben. Der Schlusssatz:“Den hau ich zu Krenfleisch!”, ist der unnachhaltige Aufschwung einer scheinbar entschiedenen, aber in Wirklichkeit windigen Satisfikationsforderung, da sie ja nicht unter Beweis gestellt werden muss.

Vor der Einkehr im Café Prückel am Stubentrorring auf dem Dr. Carl-Lueger-Platz ruhten wir nach langer Wanderung und mit Fußschmerzen nach all den Tagen aus und goutierten ein Referat über die Wiener Kaffeehauskultur als Vorgeschmack auf Kaffee, köstliche Schnittchen, Apfelstrudel mit und ohne Schlagobers, Kaiserschmarren und andere Gaumenfreuden.

Einen Seh-und Höreindruck über die finstere Unterwelt, den Grenzbereich zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Wachtraum und unbewussten nächtlichen Umtrieben erhielten wir am Abend dieses vorletzten Tages in Wien um 18.30 Uhr bis ca. 19.15 Uhr im dämmrigen bis dunklen Innenhof des Appartmenthauses neben dem Hostel, wo an der Mauer im hinteren Teil ein Tisch mit ein paar Stühlen aufgestellt war. Die meisten nahmen jedoch auf der Mauer oder auf vor ihr liegenden Rohren Platz. Ein echtes High-Light bildete nicht nur der anschließende Liedvortrag, sondern auch die adäquate Beleuchtung aus dem Smartphone eines Kursteilnehmers, der es in geheimnisvoll nach vorn gebeugter Haltung dem Vortragenden vor das Textblatt hielt. Dieser erhob nach Ausführungen zum Leben des Künstlers Georg Kreisler seine wohlklingende Stimme, die er passend zu den schwarzhumorigen Inhalten der Lieder zu einem geheimnisvoll rauen Ton hinunterstimmte, um bei Ukulele-Begleitung uns in die angemessene schaurige Stimmung zu versetzen:
“Die paar Morde, die hier mal passieren/ Die sind stets ohne Leidenschaft und fad/Die kann man ja höchstens ignorieren/ Wie den Mann im Mädchenpensioat./ Keiner spricht heut´mehr vom Lehrer Harald/ Der ein Kind erwürgte und entfloh/Denn das Kind war höchstens sieben Jahr alt- In dem Alter merkt man es nicht so…”

Wie eine Fortsetzung dieses Liedes “Als der Zirkus in Flammen stand” wirkte zunächst der äußere Eindruck des Platzes vor dem Hofburgtheater, nur dass das Rathaus wie in Flammen abendlich erleuchtet war, der Zirkus davor jedoch ein ungefährdetes Vergnügen ahnen ließ: buntes Treiben, Fleisch- und Süßwarengerüche.

Im gediegenden Hofburgtheater sahen wir (mit einigen Schlummerunterbrechungen einiger Leute- so bequem waren die rotplüschigen Sitze, so schaurig-gemütlich das Komödienstück, so anspruchhslos die Story) Eugène Labiches “Die Affäre Rue de Lourcine” (Übersetzung und erweiterte Neufassung von Elfriede Jelinek): Der Zufall führt zwei Absolventen eines renommierten Internats bei der Jahresfeier nach einigen Jahren zusammen: den ehemaligen “Lateinmeister”, jetzigen Chefkoch, und einen angesehenen Unternehmer. In dessen Wohnung geraten beide, ohne Gründe und Umstände am Morgen erinnern zu können, weil sie völlig betrunken in die Wohnung des Honoratioren gelangt sind. Einige Indizien deuten darauf hin, dass sie in der Nacht ein Kohlenmädchen umgebracht haben…. Doch am Schluss stellt sich heraus, dass diese Leiche nur im Keller ihres unbewussten Mordtriebs zu finden ist, als Kompensation für die Anstrengungen demonstrativer Wohlanständigkeit im wachen Leben.

Am vorletzten Reisetag, dem Freitag, liefen wir, wie immer von der hochsommerlichen Sonne durchglüht, nach Schönbrunn, um uns in der Grand-Tour durch die Prachträume von Maria-Theresias Sommersitz von mit Gold umrahmten Spiegeln, edelsteinverzierten Konsolen, kostbar mit Kristallgläsern, Edelporzellantellern und Silberbesteck gedeckten Tafeln und von Kronleuchtern nicht nur im “Millionenzimmer” blenden zu lassen, begaben uns anschließend in den Irrgarten, fanden natürlich wieder heraus, denn diesen künstlich angelegten Garten zu durchlaufen und auch ohne Ariadnefaden wieder zu verlassen, ist ein Kinderspiel für wenig auf die Existenz hin geprüfte Privilegierte, die wohl ehemals ein harmloses Vergnügen gegen die Langeweile erfunden hatten.

Die Zeit totzuschlagen, jedoch auf einem ganz anderen Hintergund, nämlich der Gefährdung physischer und geistiger Existenz ist Kern der am Irrgarten in Schönbrunn referierten “Schachnovelle” von Stefan Zweig, in der der Protagonist Dr. B. auf einer Schiffsreise gegen den Schachweltmeister Centovic Partien spielt und darüber wahnsinnig wird, dass er den Weltmeister bezwingen könnte, da er alle Züge voraussieht. Diese Fähigkeit hat er in der Not erworben durch auf die Spitze getriebenen, hochkonzentrierten Kampf des einen Ichs gegen das andere in seinem Geiste, weil die Schachpartien gegen sich selbst anhand eines zufällig gefundenen Schachbuchs die einzige Beschäftigung als Ersatz für den Austausch durch Gespräch und Teilen alltäglicher Verrichtungen in monatelanger NS-Einzelhaft gewesen ist. Die Koinzidenz von Überlebenstraining, geistiger Selbsterhaltung und Schutz vor dem Wahnsinn infolge der Isolation mit der Selbstvernichtung durch den Kampf gegen sich selbst spiegelt die Koinzidenz von Exil als Rettung mit dem Exil als unaushaltbarer Heimatlosigkeit im Leben Stefan Zweigs, der diese Novelle als letztes Werk vor seinem Selbstmord 1942 in Brasilien verfasst hat.

Den Abschluss dieses letzten Tages in Wien bildete ein kleiner Spaziergang in die Josefsstadt mit Halt vor der Langen Gasse 29, einem Ort in Ödön von Horváths “Geschichten aus dem Wiener Wald”, an dem Liebeshändel, Tabubrüche, Wettgeschäfte,Verrat, Verstoßung, Prostitution, Schwängerung und Kindstötung unter dicht aufeinander hockenden Kleinbürgern in der Puppenwerkstatt des “Zauberkönigs”, dessen Wohnung, einer Trafik und einer Fleischerei in eben diesem Haus stattfinden oder initiiert, um andernorts zu Ende gebracht zu werden. Der Armseligkeit des Kleinbürgers in den 30er Jahren entspricht heute die lebendige Vielfalt eines sich an diesjährigen spätsommerlich warmen Abenden auf der Straße abspielenden Treibens.

Zu Fuß gelangten wir zum letzten gemeinsamen Abendmahl im “Zwillings-Gwölb” am Universitätsring in der Nähe der U-Bahn-Station Schottenring, wo zwischen den Bestellungen auf abgerissenen Bestellzetteln und den behenden Sprüngen des beflissenen, mageren Kellners mit Getränken an unsere Tische Karl Kraus mit seinen Aphorismen zu Wort kam – auch hier entsprach sowohl Vortragsort als auch Prosaform dem Einverleibungsprozess vorgesetzter Speisen und Getränke, denn “Aphorismen” sind bekanntlich per definitionem aus einem komplexen Sinnzusammenhang “ab – gerissene” (vgl. gr. ἀφ-ὁρίζειν) Gedankensplitter-, und zwar hauptsächlich aus der Sammlung “Auch Zwerge werfen lange Schatten”.

Und dies sei fünf Minuten vor der Ankunft in Prag (am 1. Oktober um 13.04 Uhr) das Schlusswort des in einem Zuge zwischen Wien und Prag geschriebenen Berichts in Adaption des o.g. Buchtitels von Karl Kraus: “Auch eine kleine Reise zeitigt große Wirkung”.
Für die Stippvisite von drei Stunden in Prag auf dem Nachhauseweg nach Berlin sei außerdem in Anspruch genommen, was Karl Kraus über die Sprache sagte:
“Dass die Sprache den Gedanken nicht bekleidet, sondern der Gedanke in die Sprache hineinwächst, das wird der bescheidene Schöpfer den frechen Schneidern nie weismachen können.”
Dass ein Reisebericht nicht fruchtet, der nicht in der Er-Fahrung wurzelt, wird jeder einsehen.
Dazu bräuchten wir in die durch Kafka so berühmte und so interessante Stadt eine “zum Glück wahrhaft ungeheure Reise.”

WEITERE INFORMATIONEN

Samstage mit Unterricht

  • Samstag, 06.05.2017
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  • Samstag, 03.03.2018
  • Samstag, 17.03.2018
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Nächste Termine

24.04.2017 – 05.05.2017 (Mo - Fr)
3. Elternabendschiene

01.05.2017 (Mo)
unterrichtsfrei

02.05.2017 (Di)
2. - 4. Std. UIIIa Suchtprophylaxe bei Karuna

03.05.2017 (Mi)
2. - 4. Std. UIIIb Suchtprophylaxe bei Karuna

03.05.2017 (Mi)
09:00 Uhr: Zentrales schriftliches Abitur: Mathematik (LK und GK)

03.05.2017 (Mi)
18:00 Uhr: 3. Schulkonferenz

04.05.2017 (Do)
2. - 4. Std. UIIIc Suchtprophylaxe bei Karuna

04.05.2017 (Do)
10:00 Uhr: Zentrale schriftliche Prüfung MSA: Deutsch

04.05.2017 (Do)
13:00 Uhr: (Teil-)Studientag für die Fächer Deutsch, Latein, Mathematik, Biologie

05.05.2017 (Fr)
2. - 4. St. UIIId Suchtprophylaxe bei Karuna

05.05.2017 (Fr)
09:00 Uhr: Dezentrales schriftliches Abitur: LK Ku, Mu, Rel

06.05.2017 (Sa)
Unterricht

08.05.2017 (Mo)
Probentag Tanzaufführung Hartmann

08.05.2017 (Mo)
09:00 Uhr: Zentrales schriftliches Abitur: Biologie (LK)

08.05.2017 (Mo)
19:00 Uhr: 4. GEV

09.05.2017 (Di)
10:00 Uhr: Zentrale schriftliche Prüfung MSA: Mathematik

09.05.2017 (Di)
14:00 Uhr: Schriftliches Hebraicum Gärtner

10.05.2017 (Mi)
09:00 Uhr: Zentrales schriftliches Abitur: Geographie + Geschichte (LK)

10.05.2017 (Mi)
11:00 Uhr: Stolpersteinverlegung in der Salzbrunner Straße mit der OIIIb Breitenwischer, Westphal

10.05.2017 (Mi)
19:00 Uhr: Info-Abend zum Programm und zur inhaltlichen Gestaltung des Kirchentags Hogefeld, Dannenmann

11.05.2017 (Do)
10:00 Uhr: Zentrale schriftliche Prüfung MSA: Englisch

11.05.2017 (Do)
13:00 Uhr: (Teil-)Studientag für die Fächer Geschichte/PW, Geographie, Altgriechisch, Physik

11.05.2017 (Do)
19:00 Uhr: Tanzaufführung „Seidenstraße III" Hartmann

12.05.2017 (Fr)
19:00 Uhr: Tanzaufführung „Seidenstraße III" Hartmann

13.05.2017 (Sa)
unterrichtsfrei

15.05.2017 (Mo)
09:00 Uhr: Zentrales schriftliches Abitur: Latein ( LK)

15.05.2017 (Mo)
09:50 Uhr: 2. LK-Klausur Block B

17.05.2017 (Mi)
MSA Englisch, mündliche Prüfungen UIIc

17.05.2017 (Mi)
09:00 Uhr: Zentrales schriftliches Abitur: Chemie (LK)

17.05.2017 (Mi)
13:30 Uhr: Mündliches Hebraicum Gärtner, Finke

18.05.2017 (Do)
MSA Englisch, mündliche Prüfungen UIIa, b und d

18.05.2017 (Do)
09:50 Uhr: 2. LK-Klausur Block A

18.05.2017 (Do)
13:00 Uhr: (Teil-)Studientag für die Fächer Sport, Chemie, Musik

19.05.2017 (Fr)
09:00 Uhr: Zentrales schriftliches Abitur: Griechisch (LK)

20.05.2017 (Sa)
Unterricht

20.05.2017 (Sa)
09:00 Uhr: Klausuren im Fach Englisch (GK und LK)

22.05.2017 (Mo)
08:00 Uhr: mündliches Abitur, unterrichtsfrei

23.05.2017 (Di)
08:00 Uhr: mündliches Abitur, unterrichtsfrei

23.05.2017 (Di)
08:00 Uhr: Berufsorientierung für den 11. Jahrgang durch die Bundesagentur für Arbeit

24. – 28.05.2017 (Mi - So)
Kirchentag zum Reformationsjubiläum; Besuch von Veranstaltungen mit der Schulgemeinde, Aufnahme von Kirchentagsgästen in der Schule

25.05.2017 (Do)
Christi Himmelfahrt

30.05.2017 (Di)
TU- und FU- Informationstage, 11. Jg.

31.05.2017 (Mi)
TU- und FU- Informationstage, 11. Jg.

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