Siegel des Evangelisches Gymnasiums zum Grauen Kloster
Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster
Siegel der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Andacht am 16. März 2016 in der Kreuzkirche

gehalten von Steven Lange und Jürgen Britze (Gitarre)

Liebe Schulgemeinde,

Im Mittelpunkt dieser Andacht steht ein Lied, mit dem ich nicht ganz einverstanden bin. Als Herr Britze zur Probe der Lehrerband mit dem Wayfaring Stranger ankam, war ich überrascht. Wenn ein frommes Lied, warum dieses?

Ich bin ein armer durchreisender Fremder, unterwegs durch diese leidvolle Welt,

Es gibt keine Krankheit, Mühsal oder Gefahr, in jenem hellen Land, zu dem ich gehe.

Es geht immer so weiter. Nichts als Anfechtungen, Prüfungen, Bedrängnis. Vom Kreuz der Selbstverleugnung ist die Rede. Da muss man sich nach einem baldigen Tod sehnen, um endlich aus diesem Jammertal in eine bessere Welt zu kommen.

Da regt sich Widerspruch, gerade aus christlicher Sicht. Wer meint, Jesus hat sich für das Wohlergehen der Menschen in dieser Welt nicht interessiert, kennt die Evangelien nicht, war sicherlich auch kein Klosteraner. War bei unzähligen Unterrichtsstunden und Veranstaltungen nicht dabei, in welchen große Themen – brennende Fragen unserer Zeit, schwierige Glaubensfragen vom ersten Karfreitag und Ostern bis zur heutigen Situation der Kirche – behandelt wurden. Wir wollen als Kinder Gottes Freude empfinden dürfen, und dass andere Menschen Anteil daran haben.

Also, Wayfaring Stranger, nimm zur Kenntnis, dass Deine Sicht der Welt uns zu einseitig ist. Aber bei allen Einwänden muss ich Dir zugestehen, dass hinter Deinen Worten Leidenschaft steckt. Jede Generation muss mit Leidenschaft um ihre Wahrheiten ringen, wenn sie ihren Aufgaben gerecht werden soll. Gott sei Dank habt Ihr Lehrerinnen und Lehrer, die Euch dazu herausfordern.

Wayfaring Stranger, an Dir lässt mich dieses nicht los: Die gängigen Vorstellungen und Ziele Deiner Zeitgenossen reichen Dir nicht, Du brichst auf in Richtung einer Stadt, die auf fester, verlässlicher Grundlage steht. In manchen Versionen nennst Du Dich Pilger.

Wayfaring Stranger (siehe den link zum mp3 unten)

I am a poor wayfarin’ stranger, travelin’ through this world of woe,
There is no sickness, toil or danger, in that bright land to which I go.
I’m goin’ there to see my sister, she said she’d meet me when I come;
I’m only goin’ over Jordan, I’m only goin’ over home.
I have trials and tribulations, I have trouble on every hand,
But I’ve started for that city, and I’m doin’ the best I can.
I’m goin’ there to see my Savior, I’m goin’ there no more to roam;
I’m only goin’ over Jordan, I’m only goin’ over home.
I’ll soon be free from every trial, my body asleep in the old graveyard,
I’ll drop the cross of self-denial, and enter on my great reward.
I’m goin’ there to see my mother, I’m goin’ there no more to roam;
I’m only goin’ over Jordan, I’m only goin’ over home.

Wayfaring Stranger: Wer bist Du überhaupt? Du hast gelebt am Ende des 18. oder am Anfang des 19. Jahrhunderts irgendwo in den USA. Warst Du Sklave in den Südstaaten, warst Du Pionier oder Bergmann in Appalachia? Warst Du Mann oder Frau? Welche Version Deines Liedes machte zuerst die Runden, in welchem Stil?

Gefällt es Dir, dass so viele berühmten Sängerinnen und Sänger bis heute immer wieder Dein Lied vortragen? Oder meinst Du, sie wissen nicht so richtig, was sie da singen?

In jedem Fall stehst Du kritisch zu uns. Du forderst uns heraus, zu hinterfragen, wo unser Fundament steht. Können wir uns wirklich verlassen auf unseren Wohlstand, unsere gesunde Lebensweise, die ein langes Leben garantieren soll? Unsere politische Stabilität, die gerade erschüttert wird? Unseren Stolz auf Status, Designerklamotten, auf die verdienstvolle Familie, auf die traumhafte Abiturnote? 200 Jahre nach Deinen Lebzeiten ist vieles nicht in Ordnung, es herrscht viel Not, auch auf unserer Insel derjenigen, denen es gut geht. Auch hier gibt es Kinder, die zwischen streitenden Eltern versuchen, ihre veränderte Welt zu verstehen. Auch hier kennt man Sucht und seelische Erkrankung, die aus einem geliebten Menschen einen komplett anderen macht, den wir nicht mehr verstehen. Auch wir tun uns schwer mit der richtigen Achtung des anderen, selbst desjenigen, der neben uns sitzt. In diesen Tagen erleben wir, dass viele nicht fähig sind, sich in die Lage eines Fremden zu versetzen. Ist das wirklich schwer? Wie schnell wird man im eigenen Land, im eigenen Klassenverband und in der eigenen Familie zum Außenseiter, zum Fremden, der nicht dazugehört? Du weist uns darauf hin, dass vieles, woran wir festhalten, worauf wir uns etwas einbilden, uns plötzlich genommen werden kann. Nur als Kinder Gottes erfahren wir wirkliche Geborgenheit und Heimat.

Das Segenslied Bewahre uns Gott möge sich für uns alle erfüllen.

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